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„Ick hab so viel erlebt, ick jeh’ weita raus“

Nachruf auf Ursula Smeth | 1930 - 2022



„Du kriegst ’n Eis, aber denn müssen wa loofen.“ Schwierige Entscheidung, jeden Sonntag, wenn es rausging, zu den Verwandten in den Schrebergarten. Eis oder Tram. Für beides war das Geld zu knapp. Berliner Kleine-Leute-Welt, Kreuzberg, Eisenbahnstraße, eineinhalb Zimmer, mickrige Küche, die im Winter als einziger Raum beheizt wurde, die Toilette auf halber Treppe. In der Eisenbahnstraße gab es keine Bäume, dafür Kohlen am Straßenrand, eine Markthalle, eine Maßschneiderei, eine Fabrik für Bierzapfhähne. An den Ecken hielten Händler mit ihren Leiterwagen, die Kleiderbürsten und anderen Krimskrams mit heiserem Geschrei anpriesen. Ursulas Vater war lange arbeitslos. Nach 1933 fand er eine Zimmermannsbeschäftigung, hielt sonst aber wenig von den Nazis. Oft kam er mit Ursula an der Maßschneiderei vorbei und unterhielt sich mit dem jüdischen Besitzer, während sie sich die Hemden und Anzüge im Schaufenster ansah. In der Pogromnacht wurde das Geschäft geplündert. An einem der folgenden Tage lief Ursula wieder mit ihrem Vater die Straße entlang. Ihnen entgegen kam ein NS-Funktionär aus der Nachbarschaft. Er trug ein schickes Hemd. Ursula platzte heraus: „Dit hat der doch aus dem Jeschäft!“


So erzählte sie es später, wieder und wieder. Wie sie so viele Geschichten erzählte. Dass sie wegen der Luftangriffe zu Verwandten geschickt wurde, die bei Weimar auf dem Ettersberg wohnten, wo sie Fürchterliches sah. Auf dem Ettersberg befand sich das KZ Buchenwald. Sie sprach davon, wie die Familie zweimal ausgebombt wurde, wie sie, von ihrer Schneiderlehrstelle aus Mitte zurücklaufend, die Flammen sah, und nicht wusste, ob ihre Eltern überlebt hatten. Sie erzählte auch Alltägliches. Wie ihr Vater sie verwirrt in ihrem Bett vorfand. Sie hatte, ohne zu wissen, was da vorgeht, ihre Regel bekommen. Worauf er sich, und nicht die Mutter, der Sache annahm und ihr dieses Spezifikum der Frau erklärte.


„Alle längst jestorben “


Die Hörerschaft ihrer Geschichten setzte sich zumeist aus den Nachbarn des Hauses in der Görlitzer Straße in Kreuzberg zusammen. Ursula wohnte dort seit 1960, zweite Etage, zwei Zimmer, von der Eisenbahnstraße ganz in der Nähe ist sie erst in die Falkensteinstraße und dann hierher gezogen. Die Nachbarn trafen sie mit ihrer beigen Einkaufstasche, man blieb dann stehen und schwatzte, und das konnte gern mal ein Stündchen dauern. Oder sie lehnte oben auf ihrer Fensterbank und plauderte hinab, der Beginn ihrer Reden fast immer derselbe: „Ach, ick kann ihn’ sagen...“ Sie verbreitete sich über Rainer, den alten Kneipier, mit gelegentlichen rassistischen Ausfällen, über Herrn Schmidt, der eine blondgefärbte Tolle trug und den sie „Rocker“ nannte. „Alle längst jestorben.“


Ihr Aussehen schien sie schon vor längerer Zeit festgelegt zu haben, das Haar dauergewellt und von gleichbleibender Länge, ein Paar goldener Ohrringe, Röcke und niemals nackte Beine. Ihr Teint und ein gewisses Dunkel unter ihren grauen Locken deuteten darauf hin, dass sie mal eine Brünette war, aber beschwören kann das niemand. Geraucht und getrunken hat sie nicht. Kinder hatte sie keine.


Ursula mag altmodisch gewesen sein und wirkte doch höchst lebendig. Viele werden im Lauf der Jahre konservativer und weniger tolerant, bei ihr war es umgekehrt. Natürlich meckerte sie auch. Die fehlenden Manieren der jungen Leute, die ohne zu grüßen vorbeirennen und überall ihren Unrat hinwerfen. Natürlich sagte sie auch diesen Satz, in dem die Worte „früher“ und „besser“ vorkamen. Es war ja auch kein Kinderspiel, das Alte und das Neue durcheinanderstürzen zu sehen. Kein Kurzwarengeschäft mehr, keine Fleischerei, kein Schuster. Dafür noch eine Bar, noch ein Bioladen. Allein der Wandel des Parks gegenüber: früher Görlitzer Bahnhof, dann Kriegsruine, dann Brache mit Kohlenhalden und Lagerschuppen, bis in den 80ern die Begrünung durchgesetzt wurde. Jetzt konnte sie hier spazieren und begegnete dann immer öfter Dealern und Drogenabhängigen.


Trotzdem verschloss sie sich nicht. Im Gegenteil, seit Günther, ihr Mann, ein Maurer, gestorben war, zehn Jahre ist das her, öffnete sie sich zusehends. Und erzählte von früher: Als sie noch jung war, vor dem Maurer, hatte sie einen Musiker kennengelernt, doch der passte wohl nicht so richtig in die Vorstellung der Eltern, ein Luftikus, fanden sie, da sei ein bodenständiger Handwerker doch die bessere Wahl. Günther neigte zur Knurrigkeit. Stellte etwa einer der jungen Bewohner sein Fahrrad entgegen der Vorschrift unten im Hausflur ab, ließ er die Luft aus den Reifen. Ursula mochte ihn trotzdem. Sie waren gern tanzen gegangen, hatten etwas aus sich und ihrem Leben gemacht, konnten sich dies und das leisten, den ersten Urlaub in Süddeutschland vergaß sie nie.


Ob sie richtig glücklich war, ist schwer zu beurteilen. Auf jeden Fall nahm sie rege am Hausleben teil. Sie hatte die Schlüssel von mehreren Wohnungen, falls mal was ist. Der kleine Sohn einer Nachbarin konnte bei ihr klopfen, wann er wollte. Sie erzählte ihre Geschichten auf den Hoffesten. Boten die Nachbarn ihr an, während des Lockdowns für sie einkaufen zu gehen, winkte sie ab: „Ick hab so viel erlebt, ick jeh’ weita raus.“ Die Stunden zu Hause vertrieb sie sich mit Fernsehen und lesen, auf ihrem Wohnzimmertisch lagen stets Bücher, oft welche, in denen es um die Nazizeit ging. Sie war schließlich 92 und sagte nun häufiger: „Ach, jetzt reicht’s.“ Anfang Dezember legte sie sich ins Bett und das Leben schwand aus ihr.


Tagesspiegel, am 7. Februar 2023

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