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„Noch fehlt uns die Kenntnis“

Nachruf auf Admasu Birhan | 2005-2022



Admasu, drei oder vier, kauert an einem Bach, im Rücken die Morgensonne. Sie ist nicht besonders warm, dabei aber so leuchtend, dass sie die Linie seines weichen, nach vorn gebeugten Kinderrückens beinahe bebend erscheinend lässt. Bekele, Admasus Vater, läuft auf den Jungen zu und hockt sich neben ihn. Auf dem Wasser des Bachs schwimmen ein am Rand gezacktes Blatt, ein dünner Stock und ein langbeiniges Insekt. Admasu blickt wortlos auf Blatt, Stock und Insekt, minutenlang, verfolgt mit den Augen jede winzige Bewegung der drei Dinge. Dann beginnt er zu erzählen. Der Stock wird zu einem Schiff, das Blatt zu einem Meeresungeheuer, das Insekt zu einem Seemann, der sich der Bestie tapfer entgegen wirft.


Admasu-Birhan, sein vollständiger Vorname, bedeutet im Amharischen, einer äthiopischen Sprache, „Licht am Horizont“. Es kann das Morgenlicht sein und das Abendlicht.

Admasu, immer noch drei oder vier, und sein Vater stehen auf der Wiese des Pankower Schlossparks und kicken den Ball hin und her. Die Nachmittagssonne steht tief. Nach einer Weile ist Bekele ein wenig müde, setzt sich ins Gras und schaut hoch in das Licht- und Schattenspiel im Geäst einer Kastanie. Als er den Kopf wieder senkt, ist Admasu nicht mehr da. Bekele schaut sich um und entdeckt ihn ein paar Meter entfernt, inmitten einer Gruppe. Admasu guckt die Leute an und hört ihnen aufmerksam zu. Er kennt sie nicht, aber ein zufällig vorbei gehender Passant würde denken, er sei das Kind dieser Leute. Bekele ruft seinen Sohn: „Wir müssen jetzt gehen“, doch Admasu hört ihn nicht, zu tief ist er in das Gespräch vertieft.


„Geh doch lieber spielen“, fordert ihn sein Vater auf, wenn er still bei den Erwachsenen sitzt. „Nein“, gibt Admasu dann zurück. Sein Interesse, zu beobachten, zuzuhören, erlahmt nie.


Ein Sommer, Admasu ist jetzt sechs oder sieben, in Südtirol, in der Nähe von Meran. Bekele und Admasu schlagen ihr Zelt bei Tageslicht auf der Hälfte eines 1800 Meter hohen Berges auf und setzen sich in der Dunkelheit davor, heben die Köpfe und erkennen, dass es sinnlos wäre, die Sterne zu zählen, es sind zu viele. „Papa“, drängelt Admasu nach einer stummen Weile, „lass uns ganz hoch laufen. Vielleicht können wir sie da oben ja anfassen.“


Mit zwölf sagt Admasu: „Ich werde Physiker. Astrophysiker.“ Nicht der leiseste Zweifel liegt in seiner Stimme. Und umgekehrt zweifelt niemand, dass er es schaffen würde.


Er habe nur Dinge getan, erzählt sein Vater später, von denen er ganz und gar überzeugt war. Von Furcht habe er sich nicht umtreiben lassen. Klappte etwas, das er sich vorgenommen habe, sei er zufrieden gewesen; klappte etwas nicht, war es kein Grund, in Trübsinn zu verfallen.


Admasu spricht über Schwarze Löcher, immerzu. „Warum interessiert dich das so?“, fragt der Vater. „Vielleicht“, antwortete der Sohn mit der Bescheidenheit eines Forschers, der weiß, dass die Phänomene der Natur für die meisten Menschen eine undurchdringliche Sache sind, „vielleicht kommt am Ende eines Schwarzen Loches ein Weißes Loch. Noch fehlt uns die Kenntnis darüber, noch versagt die Mathematik.“ Er nimmt sich die Quanten vor, besorgt sich ein Buch des Stringtheoretikers Michio Kaku. Auf Englisch. „Papa“, sagt er nach den ersten Kapiteln, „ich glaube, es ist zu schwierig in der fremden Sprache.“ Sie versuchen sich gemeinsam an einem Abschnitt. Bis Bekele losläuft und für seinen Sohn ein Buch von Stephen Hawking kauft. Auf Deutsch. Admasu verschlingt es. Verschlingt weitere Bücher über die ganz großen Fragen. Wenn er sich konzentrieren muss, liest oder schreibt, hört er Debussy, arbeitet beharrlich und versinkt zugleich in der schwebenden Stimmung der Klavierkonzerte.


Admasu lernt Gitarre, sein erstes Stück entstammt einer Liedersammlung, die ihm sein Vater geschenkt hat, „Amazing Grace“, das er wieder und wieder spielt. An der Musikschule „Béla Bartók“ erhält er Gitarrenunterricht.


Aber so ein Jungenleben besteht ja nicht allein aus Leistungen und Tugenden, sondern ebenso aus den ganz normalen Alltagskleinigkeiten. Den Chips, die er sich vorm Unterricht kauft und raschelnd überall hinkrümelt. Den Marvel-Filmen und Star Wars. Einer ausgesprochen scharfen Sauce, die er sich mit Begeisterung über seine Nudeln gießt. Das neueste iPhone lässt ihn kalt, auch Markenklamotten. Aber es kann vorkommen, dass sein Vater sein Zimmer betritt und fragt: „Wie war’s beim Zahnarzt?“, Admasu das Computerspiel unterbricht, irritiert aufschaut und gesteht, den Termin vergessen zu haben.


Dass er englischsprachige Physikbücher nicht mühelos bewältigt, nervt ihn. In seiner Schule gibt es das „Alle ins Ausland“-Programm, jeder darf in der elften Klasse für drei Monate ins Land seiner Wahl, um an einem ökologischen Projekt mitzuarbeiten. Admasu entscheidet sich für England, für ein Dorf im Norden, in der Grafschaft Yorkshire. Als er in Burton-in-Lonsdale ankommt, gefällt ihm auf der Stelle alles. Andy und Ruth, seine Gasteltern. Das Haus mit Garten in der sanft-hügeligen Landschaft. Die fünf Stunden Arbeit am Tag. Die Spaziergänge am Nachmittag zu den Überresten einer Burg, zum River Greta, zum River Lune. Die Pub-Quiz-Abende, bei denen er auf die naturwissenschaftlichen Fragen wartet. Der eigenartige Yorkshire-Dialekt. Wenn er am Anfang einem Nachbarn begegnet, und der ihm ein schwungvolles „Ow do?“ zuwirft, zuckt er ein wenig hilflos mit den Schultern und lernt schließlich, dass es sich um das höfliche „How do you do?“ gehandelt hat.


Er lernt, Beete anzulegen, auf einem Rasenmäher zu fahren und einen Rasentrimmer zu bedienen. „Er verstand unseren Humor immer besser“, werden Andy und Ruth an seinen Vater schreiben, „und er sagte nie, wirklich nie, ein schlechtes Wort über andere.“

Am Ende seines Aufenthalts will ihm das gesamte Dorf ein Geschenk machen. Es soll hoch hinaus gehen. Ian Macdonald, ein freundlicher, rundlicher Hubschrauberpilot, schlägt vor, Admasu Yorkshire von oben zu zeigen. Admasus Herz vollführt einen glücklichen Sprung außer der Reihe.

In „Für Esmé – in Liebe und Elend“ von J. D. Salinger sagt die 13-jährige Protagonistin zu einem amerikanischen Soldaten, der in England auf den D-Day wartet, einen Satz über ihren Vater. Ein Wort in dem Satz darf ihr kleiner Bruder, der neben ihr steht, jedoch nicht hören. Sie buchstabiert das Wort: „Er ist in Nordafrika g-e-f-a-l-l-e-n.“


Der Hubschrauber ist a-b-g-e-s-t-ü-r-z-t.





Tagesspiegel, am 20. Oktober 2022

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